Ökumenischer Gottesdienst, 19. Januar 2018, ev. Kirchengemeinde

Schwestern und Brüder!

Vor einer Woche war ich in Rom und ich musste lebhaft an Deine Predigt denken, die du, lieber Andreas, uns letztes Jahr gehalten hast. Sehr anschaulich hast du uns deine Erfahrung als junger Mann geschildert, als du den Petersplatz hochgegangen bist und die Peterskirche betreten hast. Bei mir spielte sich ein regelrechtes Kopfkino ab, so plastisch hast du diesen Weg und die herrlichen Kunstschätze dort geschildert. Ich möchte heute noch zwei wesentliche Brennpunkte dieser Grabeskirche des Heiligen Petrus hinzufügen, die zeigen, was Kirche Jesu ist. Hoch über dem Eingangsportal, unterhalb der Papstloggia ein Kunstwerk von Weltrang: Ein Mosaik von Giotto aus dem frühen 14. Jahrhundert, das aus Alt-Sank Peter gerettet und genau über dem Eingang des Petersdoms angebracht wurde: Jesus rettet Petrus, der im Seesturm das Schifflein verlässt und auf Jesus zugeht: "Du kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" sagt ihm Jesus und mit ihm jedem Getauften und der ganzen Kirche, IHN nicht aus dem Blick zu verlieren und das Vertrauen in IHN zu setzen.

Die Kirche, die wir als die allgemeine und universelle bekennen, ist zu allen Zeiten das "navicello", das Schifflein im Sturm das ohne Vertrauen auf den Herrn untergeht und nur durch sein Eingreifen gerettet werden kann.

Die zweite wesentliche Aussage über die Kirche zeigt sich beim Eintreten in den Petersdom auf den ersten Blick, noch bevor am irgendetwas anderes wahrnimmt: Vom gewaltigen Alabastafenster der Apsis her ist die Kirche mit Licht erfüllt, der Heilige Geist in Form einer Taube ist dargestellt, von ihm her bekommt alles Licht und zeigt uns, wer die Kirche mit Leben erfüllt, das Leben der Kirche und eines jeden Gläubigen. "So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. "So beschreibt Paulus im Römerbrief das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinde der Christen. Ohne die rettende Hand Christi und das Wirken des Heiligen Geistes in ihr, könnte die Kirche nicht überleben und wäre schon lange untergegangen, hätten die Kirche allein durch unsere Menschliche Kraft oder Schwäche schon lange zugrunde gerichtet, und nicht wenige halten ja die pure Existenz der Kirche als den größten Gottesbeweis.

Dieser allgemeinen und universalen Kirche Christi dürfen wir als Getaufte angehören, oft hin und hergeworfen aber im Vertrauen auf den Geist Gottes, der Licht und Klarheit und weise Führung bringt. Freude und Kraft steckt da drinnen für jeden, der sich der Begegnung mit Jesus Christus öffnet. Die Freiheit des Christenmenschen, von der Martin Luther so sehr beseelt war, gründet ja in der echten Begegnung mit Jesus Christus, der uns erlöst hat und daher wirklich frei gemacht hat, eine Freiheit und Würde, die niemand nehmen oder stehlen kann.

Unser heutiger ökumenischer Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen wurde von Christen aus der Karibik erstellt - mit ihrer eigenen Vergangenheit der Sklaverei, Gewalt und Unterdrückung, die vor allem ihre Vorfahren erdulden mussten und die es weltweit heute in ihren verschiedensten Formen weiterhin gibt. Vor allem die Armen sind es, die der Willkür, Gewalt und Unterdrückung und auch physischer und psychischer Sklaverei ausgesetzt sind, von denen, die auf dieser Welt Macht, Besitz und Einfluss haben.

Wer bringt Heilung in diese menschlich verzweifelten Situationen, diese leidgeprüften Lebensumstände? Unsere Brüder und Schwestern aus der Karibik geben uns die Antwort in den Bibeltexten, die sie uns vorgeschlagen haben: Die Hoffnung auf Jesus Christus, die Kraft, die von ihm ausgeht und heilt.

Besonders das Bibelwort aus dem Römerbrief im 8 Kapitel, Vers 24 hat mich bewegt: "Auf Hoffnung hin sind wir gerettet". Die Hoffnung ist es, die uns Christen besonders auszeichnet, weil wir wissen, dass diese Welt nie die ganze Antwort auf unser Leben, unsere Existenz ist, weil wir wissen, dass wir durch die Anwesenheit Jesu Christi, des menschlichen Angesichtes Gottes in der Welt, erlöst sind. Darum mahnt der Atheist Friedrich Nitzsche uns alle durchaus zurecht wenn er sagt, die Christen müssten ihm erlöster ausschauen, damit er an Christus, den Erlöser, glauben könnte.

"Auf Hoffnung hin, sind wir gerettet" mit diesem Vers aus dem Römerbrief hat Papst Benedikt eine Enzyklika mit dem Thema der christlichen Hoffnung überschreiben, "Spe salvi". Er schildert darin das Schicksal der afrikanischen Sklavin Bakhita. Sie war ungefähr - das genaue Datum kannte sie nicht - 1869 in Darfur im Sudan geboren. Mit neuen Jahren wurde sie von Sklavenhändlern entführt, blutig geschlagen und fünfmal auf den Sklavenmärkten des Sudan verkauft. Zuletzt war sie als Sklavin der Mutter und der Gattin eines Generals in Diensten und wurde dabei täglich bis aufs Blut gegeißelt, wovon ihr lebenslang 144 Narben blieben. 1882 wurde sie schließlich von einem italienischen Händler gekauft, der angesichts des Vormarsches der Mahdisten nach Italien zurückkehrte. Hier lernte Bakhita schließlich nach so schrecklichen "Patronen", denen sie bisher unterstanden war, einen ganz anderen "Patron" kennen - "Paron" nannte sie in dem venezianischem Dialekt, den sie nun lernte, den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. Bisher hatte sie nur Patrone gekannt, die sie verachteten und misshandelten oder bestenfalls als nützliche Sklavin betrachteten. Aber nun hörte sie, dass es einen "Paron" über allen Patronen gibt, den Herrn aller Herren und dass dieser Herr gut ist, die Güte selbst. Sie erfuhr, dass dieser Herr auch sie kennt, auch sie geschaffen hat - ja, dass er sie liebt. Auch sie war geliebt, und zwar von dem obersten Patron, vor dem alle anderen Patrone auch nur selber armselige Diener sind. Sie war gekannt und geliebt und wurde erwartet. Ja, dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun "zur Rechten des Vaters" auf sie. Nun hatte sie Hoffnung - nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie "erlöst", nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes. Bakitha lies sich taufen und weigerte sich, als die in den Sudan zurückgeschickt werden sollte, weil sie nie mehr getrennt von ihrem Patron Jesus sein wollte und als freies Kind Gottes in Freiheit war. Unermüdlich war sie dann unterwegs in ganz Italien, um ihre Erfahrung mit Jesus weiterzugeben. Die Befreiung, die sie selbst durch die Begegnung mit dem Gott Jesu Christi empfangen hatte, die musste sie weitergeben, die musste auch anderen, möglichst vielen, geschenkt werden. Die Hoffnung, die ihr geworden war und sie "erlöst" hatte, durfte sie nicht für sich behalten; sie sollte zu vielen, zu allen kommen. Heute verehrt die Katholische Kirche Bakitha als Heilige.

Dieser Jesus Christus, von dem die Kraft ausgeht, die heilt, hat auch uns heute im Gebet zum Gottesdienst zusammengeführt. Unser Bekenntnis zu ihm, der uns wirklich frei macht, der uns im Glauben, Hoffen und Lieben hilft, seine Brüder und Schwestern zu sein in unserer heutigen Welt.

Von diesem Jesus Christus Zeugnis zu geben, sind wir berufen als Christinnen und Christen. Da kann und darf es keine Trennungen zwischen uns geben, wir sind eins in Christus und es war ein starkes Zeichen dieser Einheit im Glauben an den dreifaltigen Gott, dass wir als evangelische und katholische Christen das vergangene 500-jährige Reformationsjahr insbesondere als Christusjahr miteinander begehen konnten. Die frohe und freimachende Botschaft Jesu im heute zu sagen, ins heute zu übersetzen und zu bezeugen, das ist und bleibt unser Auftrag als Christinnen und Christen, als Kirche von heute. Und da heißt es dann auch die Stimme zu erheben gegen alles, was gegen diesen Auftrag Jesu steht, was Menschen in Unfreiheit und Unerlöstheit hält und es bedeutet, die christliche Hoffnung zu leben, die echte Freiheit und Gelassenheit in dieser Welt schenkt.

Manchen ist diese Stimme, die wir erheben, die das Evangelium und unser christlicher Glaube uns auf die Probleme in unsere Zeit und Welt geben, unangenehm und falsch. Das zeigt die Kritik, die unsere evangelischen und katholischen Bischöfe nach ihren Weihnachtspredigten einstecken mussten.

Je rauer aber uns als Christinnen und Christen der Wind ins Gesicht fährt, um so geeinter müssen wir sein in unserem Bekenntnis zu Jesus Christus, wir dürfen ihn nicht verschweigen. Die Hoffnung auf ihn, der uns erlöst, müssen wir wach halten und bekennen und leben.

Wir wissen es: als Gemeinde Jesu werden wir immer das bedrängte Schifflein im Sturm der Zeit sein, im Vertrauen auf Christus und in der Führung des Heiligen Geistes ist uns aber die Zukunft offen, wie sie auch ausschauen mag.

Beim ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsjahr im schwedischen Lund hat Papst Franziskus die Frage gestellt: "Wer sind die besseren, die evangelischen oder die katholischen?" So hat er es sich selbst beantwortet: "Am besten sind sie gemeinsam."" Amen





 


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